• Christian Lindner

Wie Medienhäuser vielen Künstlern in der Corona-Krise virtuelle Bühnen eröffnet haben

Aktualisiert: Juli 8


60mal öffneten die Kieler Nachrichten Künstlern in der Corona-Zeit ihre "KN-Bühne". Hier Sängerin Fenja Schneider.

Auch in den harten Zeiten der Corona-Beschränkungen haben regionale Medienhäuser in ganz Deutschland bewiesen, dass sie ein verlässlicher Partner für die lokale Kulturszene sind: Obwohl selbst von der Krise hart getroffen, boten viele Verlage Künstlern aus ihrer Region die Möglichkeit, digital aufzutreten. Zudem haben die Medienunternehmen das mit ihren hohen Reichweiten in Web, Social Media und Print offensiv verbreitet.

Hier einige Beispiele* dafür, wie Medienhäuser auch und gerade abseits der Metropolen heimischen Künstlern virtuelle Bühnen eröffnet haben:

Die Kieler Nachrichten haben die KN-Bühne“ in der harten Corona-Zeit zu einer festen Größe für die freie Kulturszene in Schleswig-Holstein gemacht: Ab dem 24. März konnten Künstler aus dem Norden auf der KN-Bühne in der Kundenhalle des Medienhauses gastieren. Die Auftritte wurden am selben Tag, immer ab 20 Uhr, auf der Webseite der KN gezeigt. 60 (!) virtuelle KN-Bühnen gab es in der strikten Zeit von Corona – verlässlich jeden Tag außer Montag (hier die Sammlung der Videos) Begleitet wurde das Programm mit Künstlern fast aller Genres von einem Spendenaufruf der Kieler Nachrichten. In zehn Wochen kamen dadurch rund 45.000 € zusammen. Die Auftretenden bekamen auf diese Weise neben hilfreicher Aufmerksamkeit für ihre Lage und ihr Können Gagen zwischen 500 und 1200 €. Das Format wird fortgesetzt – nun wieder mit Publikum.


Die Schaumburg Zeitung / Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung (Niedersachsen) hat mit den Veranstaltern der Kulturreihe „Lange Nacht der Kultur in Bückeburg“ jeden Tag einem heimischen Künstler oder einer Gruppe die Möglichkeit gegeben, ihre Arbeit online zu präsentieren. Zugleich wurden die Kulturschaffenden im Blatt präsentiert. Der Claim der Reihe lautete „Live Stream Lange Nacht“.


Die Bergedorfer Zeitung (Hamburg) hat ein Online-Kultur-Festival für lokale Künstler und Spielorte veranstaltet. Leitlinie: „Mit Musik gegen den Corona-Blues“. Unter dem Motto „Bühne frei – live dabei!“ präsentierte das im Osten der Hansestadt beheimatete Medienhaus lokale Künstler an wechselnden Auftrittsorten via Live-Stream auf seiner Webseite. Die mittlerweile über 25 Videos des charmanten digitalen Festivals sind dort alle noch nachschaubar.

Die Main-Post und die Stadt Würzburg (Bayern) haben in der Corona-Krise mit „Zugabe!“ gemeinsam eine digitale Plattform für Künstler realisiert. Dort konnten und können Konzerte, Ausstellungen, Lesungen etc. veröffentlicht werden. Wer nicht das Equipment hat, erhält Unterstützung, um professionelle Videos zu erstellen. Das Angebot wird die Krise überdauern. Die Macher auf der Startseite: „Mit Zugabe!digital bringen die Stadt Würzburg und die Mediengruppe Main-Post Würzburgs bunte Kulturvielfalt zu Ihnen nach Hause – abrufbar egal wann, egal wo. Auf der Plattform werden alle virtuellen Kulturangebote in und um Würzburg gesammelt und gebündelt zur Verfügung gestellt. Stöbern Sie sich durch und stellen Sie sich Ihr eigenes Unterhaltungsprogramm für Zuhause zusammen – von Konzerten über Theateraufführungen bis zu Podcasts ist hier alles dabei. Holen Sie sich das Mozartfest ins Wohnzimmer oder machen Sie Ihr Zuhause zum Africa Festival!


Sächsische.de / Sächsische Zeitung (Dresden) ließ zweimal einen DJ in ihrem verwaisten Newsroom auflegen. Der "Dance with Nobody" wurde gestreamt - Samstagabend, 20 Uhr. Tausende verfolgten die Mixes. Mit der Aktion hat Sächsiche.de zu Spenden für die Clubszene in Dresden aufgerufen. Der DJ hat seine Gage gespendet.


Die Vaihinger Kreiszeitung (Baden-Württemberg) hat in der Corona-Zeit für regionale Bands und Künstler einen „VKZ-Facebook-Balkon“ geöffnet. Zahlreiche Musiker folgten der Einladung des Medienhauses, auf dem digitalen Balkon der VKZ aufzutreten. Alle für „Times like these" eingespielten Videos machten Lesern und Usern auch auf der Homepage Mut. Einige Songs waren eigens für die Aktion komponiert worden. Die Resonanz war laut Redaktion großartig.

Das Mindener Tageblatt (Nordrhein-Westfalen) hat „Corona Concerts" veranstaltet. Künstler aus Minden und Umgebung konnten sich unter diesem Label auf der Webseite des Medienhauses präsentieren.


So vielfältig wie die OZ-Newsroom-Konzerte waren viele Kulturaktionen von Verlagen in der Corona-Zeit.

Die Ostsee-Zeitung (Rostock) hat Musiker aus Mecklenburg-Vorpommern eingeladen, in ihrer Reihe „OZ-Newsroom-Konzert“ 15 Minuten unplugged zu spielen. Die Kurz-Konzerte im Newsroom des Medienhauses wurden jeden Mittwoch um 18 Uhr gestreamt. Hier ein Best of-Video des beschwingen Newsrooms.


Die Landeszeitung in Lüneburg (Niedersachsen) bot in den harten Corona-Wochen in Zusammenarbeit mit dem Theater der Stadt ein Programm mit Schauspielern des Ensembles auf Facebook oder YouTube. Die Macher zur Idee: "Das gemeinsame Format von LZ und Theater soll die Kultur in die Wohnzimmer bringen, als Moment zum Verweilen dienen. Es richtet sich an alle jene, die jetzt erstmal keine Vorstellung mehr im Lüneburger Theater besuchen können."


MAZonline / Märkische Allgemeine (Potsdam, Brandenburg) haben regionale Bands und Musiker zu Video-Konzerten auf dem Verlagsgelände in Potsdam eingeladen. Sie spielten dort und wurden interviewt – etwa auf dem Dach der Druckerei.


Die Neue Osnabrücker Zeitung (Niedersachsen) hat unter dem Titel "NOZ Kulturbühne" Live-Streams mit Künstlern aus der Region veranstaltet. Artikel und Streams standen vor der Bezahlschranke. Bei der 20. NOZ Kulturbühne gab es Soul-Ikone Stefan Gwildis zu hören und zu sehen.


Die Volksstimme (Sachsen-Anhalt) hat in Stendal die Aktion „Wir rocken das" initiiert. Die Auftritte lokaler Künstler bei örtlichen Gastronomen wurden auf dem gleichnamigen Youtube-Kanal gestreamt. Ziel war es, Künstlern wie Gastronomen aus der Region gleichermaßen zu helfen. Technisch umgesetzt wurde die Wohnzimmerkonzerte" von der Agentur „VEB Bild“ aus Stendal.


Das Bürgerportal Bergisch Gladbach (Nordrhein-Westfalen) hat einen „KulturKurier“ realisiert, der „die lokale Kultur nach Hause liefert“. Das Projekt des rein digitalen Medienangebotes hat es bereits auf 22 Konzerte, Lesungen und Ausstellungsbesuche gebracht. Die Auftritte oder Aktionen wurden gestreamt und oder zu Videos verarbeitet, um den lokalen Künstlern eine Bühne zu bieten und den Lesern des Portals trotz Corona wenigstens ein wenig Kultur zu bieten. Zugleich wollte das digitale Regionalmedium einen Querschnitt durch die lokale Kulturszene geben und zeigen, wie vielfältig sie ist. Portal-Chef Georg Watzlawek: „Wir setzen die Serie fort und arbeiten gerade an einem hybriden Format: Konzerte mit kleinem Publikum, die gleichzeitig gestreamt werden.“


Die Heilbronner Stimme (Baden-Württemberg) bot Streaming-Konzerte mit lokalen Künstlern - stilistisch breit gefächert von Rock über Pop bis hin zu Klassik. Neben der Musik gab es auch Gespräche mit den Künstlern über ihre Lage in den Zeiten von Corona.


Die Schweriner Volkszeitung (Mecklenburg-Vorpommern) hat über Wochen unter dem Motto „Von Couch zu Couch“ Konzerte gestreamt – von lokalen Bands bis Felix Jaehn. Teils interagierten die Künstler mit ihren Zuschauern zuhause auf der Couch. Mit Künstlern des Volkstheaters Rostock hat die SVZ zudem die virtuelle Schreibwerkstatt „Corona Chroniken“ promotet. Seit Mitte Juni unterstützt die SVZ die Schlossinnenhof-Konzerte im Schweriner Schloss. Alles wurde mit Aufrufen zu Spenden für die örtlichen Künstler verbunden.


Auch bei der Borkener Zeitung (Nordrhein-Westfalen) wurde in den Corona-Wochen viel gesungen und musiziert. So hat das Medienhaus im Münsterland mit der örtlichen Musikschule kooperiert: Musikschüler konnten Videos mit Proben ihres Schaffens schicken, die dann auf der Webseite des Blattes veröffentlicht wurden. Parallel waren die Kanäle der Borkener Zeitung auch für professionelle Musiker offen. Stimmungsvoller Höhepunkt war eine Aktion, bei der die Borkener Zeitung einen Trompeter besorgte, der im Korb eines Leiterwagens der Feuerwehr auf dem Marktplatz in über 20 Metern Höhe während des Sonnenuntergangs Leonard Cohens „Hallelujah“ über die Stadt schallen ließ.


Libelle, ein Familienmagazin für den Raum Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in Print und Web, hat bald nach den Corona-Einschränkungen ein neues Kulturformat etabliert: Mit Düsseldorfer Kulturschaffenden präsentiert Libelle seit Ende März zwei Mal in der Woche das „Wohnzimmertheater“. Puppenspiel und Zauberei, Kasper und Kobolde, Monster und Prinzessinnen bieten Kindern und Eltern regelmäßig Abwechslung auf dem heimischen Sofa - etwa wie hier mit dem "Zauberer von Oz". Libelle-Herausgeber Frank Walber räumte für das Theater Bürofläche frei. Teils wurden die Programme live über die Webseite gesendet.


Die Badische Zeitung (Freiburg, Baden-Württemberg) präsentiert eine sechsteilige Reihe von bemerkenswerten Konzertvideos mit regionalen Bands, die in der Eventlocation „Schlachthof“ im Lahr ohne Publikum hochprofessionell aufgenommen wurden – mit zehn Kameras, exzellentem Licht und hervorragendem Ton. Die BZ streamt diese hochwertigen Filme (von der Lahrer Rockwertstatt, dem Schlachthof Lahr und dem Punchline Studio produziert) auf Facebook. Die virtuellen Konzerte sind abendfüllend. Der Auftritt der Gruppe Qult etwa füllte satte 3.24 Stunden. Reaktion: 196 Kommentare und 23.000 Views (Stand 1. Juli).

* Diese kompakte Sammlung ist nur exemplarisch und erhebt keinerlei Komplettheitsanspruch. Ich erweitere sie aber gerne um weitere interessante Beispiele.

Ein kurzer Tipp mit Link per Mail an mich genügt. Danke vorab!







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