• Christian Lindner

Die Mauer fiel auch in Koblenz

Aktualisiert: 8. Nov 2019

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Ich war damals 600 Kilometer von Berlin entfernt. Und doch erlebte ich diesen historischen Abend intensiv mit – als junger Spätdienstredakteur der Zentralredaktion der Rhein-Zeitung. Ein Rückblick auf diese wohl folgenreichste Nacht der deutschen Geschichte und zugleich den heißesten beruflichen Abend meiner Laufbahn. Aber auch ein Einblick, wie in den vor-digitalen Zeiten in einem Medienhaus gearbeitet wurde, wenn es schnell gehen musste.

So sah die Titelseite der RZ zum Fall der Mauer aus - nachdem ich sie massiv umgebaut hatte.


Donnerstag, 9. November 1989, früher Abend – die Zentralredaktion unserer Zeitung leert sich. Den ganzen Tag über haben zwei Dutzend Redakteure für die überregionalen Seiten des Blattes gearbeitet, jetzt geht einer nach dem anderen. Sie übertragen die Zeitung der Obhut von zwei Spätdienstlern, die bis Mitternacht bleiben: Ein erfahrener Sportkollege wird das Achtelfinale im DFB-Pokal ins Blatt heben – und ein junger Kollege aus der Politik soll Aktuelles aus dem In- und Ausland in die laufende Produktion einspeisen.


Dieser junge Kollege war ich – nicht mehr völlig grün hinter den Ohren, aber ohne jede Ahnung, dass mir an diesem Abend die heißeste berufliche Nacht meines journalistischen Lebens bevorsteht. Anders als in den Wochen zuvor nämlich ist das Dauerthema „DDR“ am 9. November nicht ergiebig. Die SED steckt zwar weiter in der Krise, die friedliche Revolution in der DDR gärt – Neuigkeiten von Relevanz aus Ost-Berlin aber gibt es den ganzen Tag nicht. Deshalb entscheidet Chefredakteur Hans Peter Sommer am Nachmittag: Der Besuch von Kanzler Kohl im neuen demokratischen Polen prägt die Titelseite.


Auf dieser Basis betexten wir unsere erste Seite, direkt unter dem Seitenknick steht ein Platzhalter für den Fußball, darunter wird der Schwebezustand in der DDR in 26 Zeilchen thematisiert. Unsere Kollegen in der Technik montieren Textfahnen und Bilder gemäß unserer Seitenplanung zusammen – der Andruck der ersten unserer vielen Lokalausgabe naht.


Derweil füllt sich in Ost-Berlin der Saal des Internationalen Pressezentrums: Günter Schabowski hat seinen ersten Auftritt als neuer „Sekretär des ZK der SED für Informationswesen“ – live im Fernsehen und Radio der DDR übertragen. Um 18.53 Uhr fragt ihn Riccardo Ehrmann von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa nach dem Stand eines neuen Reisegesetzes. Und das ist kein Detail: 120.000 DDR- Bürger sind bereits in den Westen geflohen, in der Bundesrepublik quellen 140 Notaufnahmelager über, das Volk der DDR will Reisefreiheit von der DDR. Schabowski antwortet acht Minuten lang, verwirrend, mit vielen Ähs. Der Informierende ist schlecht informiert: Honecker-Nachfolger Egon Krenz hat ihm am Nachmittag während noch laufender Debatte des Zentralkomitees ein Exemplar des Entwurfs eines Ministerratsbeschlusses für eine neue Reiseregelung zur Verkündung in die Hand gedrückt – obwohl sie noch gar nicht verabschiedet ist und erst am nächsten Tag bekannt werden soll.


Dieses Papier hat es in sich: Zwei Spitzenbeamte des Innenministeriums und zwei Stasi-Oberste haben an diesem Tag eine Beschlussvorlage für Ministerrat und Politbüro formuliert, in der es eigentlich nur darum gehen sollte, DDR-Bürgern, die das Land für immer verlassen wollten, eine Ausreise direkt in die Bundesrepublik und nach West-Berlin zu ermöglichen. Das Quartett hielt es aber für geboten, den nur für „Republikflüchtlinge“ gedachten Vorschlag zu erweitern – durch einen Passus, der auch für Auslandsreisen von Bürgern gedacht war, die die DDR nicht generell verlassen wollten.


Dieser Absatz nimmt, wahrscheinlich gegen die Erwartung seiner Autoren, an diesem 9. November alle Hürden der Politbürokratie der DDR. Mehr noch: Auf Geheiß von Krenz, der die Tragweite dieser Worte wohl nicht gesehen hat, wird er am Abend von Schabowski verlesen: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“ Prompt folgt die Nachfrage: „Wann tritt das in Kraft?“ Das Politbüro-Mitglied stottert: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich!“ – „Auch nach West-Berlin?“ „Ja, auch nach Berlin-West.“


Schabowski löst damit ungewollt eine Entwicklung von historischen Dimensionen aus. Ab 19.03 Uhr verbreiten die Nachrichtenagenturen im Westen die unglaubliche Botschaft. Der Trend der Eilmeldungen, die damit auch in Koblenz im Fernschreibraum aus den Druckern rattern, ist zunächst irritierend uneinheitlich: Reuters und dpa stellen die Ausreise-Passagen des ZK-Beschlusses in den Vordergrund, AP ist kühner und benutzt als erste Agentur das Wort „Grenzöffnung“. Ein Bote bringt die anfangs nur sehr kurzen Texte eilig zum Tisch des Spätredakteurs, beide beugen sich darüber – und reiben sich die Augen. Um 19.41 Uhr meldet dann auch dpa: „Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West- Berlin ist offen.“


Jetzt ist klar: Unsere Titelseite kann nicht wie geplant in Druck gehen – sie muss umgebaut werden. Doch das ist nicht eben einfach: Berlin ist weit weg, die Informationslage nicht eindeutig, noch um 21.45 Uhr meint das „heute journal“, dass die neue Regelung nur für Ausreisewillige gilt. Was tut man da – alleine, den Andruck im Nacken? Einen Chef anrufen? „Mehr wird der auch nicht wissen“ sagt mir mein Bauch. Ich rufe stattdessen in unserer Technik an: „Ich mach die Eins noch mal neu, wartet mit dieser Seite, so lange ihr könnt. In Ost-Berlin passiert grad was!“


Dann atme ich durch – und lese in den einlaufenden Textdokumentationen unserer Agenturen nach, was Schabowski genau gesagt hat. Der Kern ist zweifelsfrei: DDR- Bürger sollen ab sofort in den Westen ausreisen können. Und wenn sie es können, werden sie es auch tun – es sei denn, die Staatsgewalt hindert sie daran.


Genau das hängt derweil in Ost-Berlin in der Luft: Am Grenzübergang Bornholmer Straße stauen sich die Trabants und Wartburgs bald einen Kilometer lang, Tausende DDR-Bürger drängen an Mauer. „Wir wollen rüber“, ruft die Menge – „Kommen Sie morgen wieder“, mauern die mit der neuen Beschluss-Lage allein gelassenen Grenzpolizisten.


Zweiter Anruf von mir in der Technik: „Wie viele Minuten könnt Ihr noch warten? In Ost-Berlin fällt gerade die Mauer!“ Der Faktor flucht – zieht aber mit: Alle anderen Seiten gehen schon an die Druckmaschinen, für die neue Titelseite bündelt die Technik ihre Kräfte. Ich hacke meinen Text, so schnell es geht, in ein grün schimmerndes „Datensichtgerät“ der Marke Siemens, wage die Überschrift: „Deutsch-deutsche Grenze für alle DDR-Bürger offen“, zitiere schon im zweiten Absatz als Beleg dafür den zentralen Passus der neuen Regelung. Die Sensation in Ost-Berlin wird nun Aufmacher, Kohls Besuch bei Polens Premier Mazowiecki schrumpft auf zwei Spalten und wandert an die Seite, auf den vormaligen kleinen Platz der DDR am Fuß der Eins rutscht die Billigung der Rentenreform durch den Bundestag.


Ich gebe den Text zur Belichtung frei und hetze durch das nächtliche Verlagsgebäude, rüber in den Nachbarbau von Setzerei und Druckerei. Dort quillt schon die Textfahne aus dem Belichter, ein flinker Metteur setzt den komplexen Ringtausch auf der Titelseite um – der Nachricht wegen von einen halben Dutzend Kollegen umringt. Wie immer sind alle Textkolonnen, auf der Rückseite für die Montage mit Wachs präpariert, etwas zu lang – gekürzt wird vom Metteur virtuos per Messer, stets nach kurzem Blickkontakt mit dem Redakteur. Jedes Nicken befördert einen Satz auf den Fußboden. „Fertig!“ Der Chef des Metteurs entreißt ihm die Seite für die Repro, Minuten später können die Druckmaschinen anlaufen.


Zurück an den Schreibtisch, ran an immer neue Agenturmeldungen: Mussten die anfangs arg knappen Informationen für die Andruckvariante noch mit Reaktionen von Kohl, Seiters und Lambsdorff angereichert werden, kommt jetzt spannender Stoff in Fülle direkt aus Berlin: Ab 21.50 Uhr lassen die DDR-Grenzer erste Mitbürger, die besonders laut die Ausreise fordern, einzeln in den Westen.


Und mit Beginn um 22.42 Uhr versetzen die „Tagesthemen“ der ARD der Mauer den wahrscheinlich entscheidenden Stoß. Hanns Joachim Friedrichs verkündet: „Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jeden geöffnet sind. Der Reiseverkehr in Richtung Westen ist frei. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Warum 22.42 Uhr und nicht 22.30 Uhr? Zu allem Überfluss muss noch der Text zum Spiel von Kaiserslautern gegen Köln ins Blatt. Lautern gewinnt 2:1. Auch das muss für die nächst erreichbaren Ausgaben mit, wieder beginnt bei schon lange laufenden Druckmaschinen ein hektischer Wettlauf gegen die Zeit, diesmal für den Sportkollegen.


Die Bilder des Westfernsehens mobilisieren in Ost-Berlin weitere tausende Bürger. An der Bornholmer Straße werden die Rufe drängender: „Tor auf, Tor auf!“ Um 23.25 Uhr geben die Grenzer dem Druck nach – und öffnen die Schlagbäume. Tausende Ost-Berliner fluten, ungläubig und selig, ohne Grenzkontrollen nach West-Berlin, kurz nach Mitternacht sind alle sieben Grenzübergangsstellen in Berlin offen, und auch einige Lücken an der innerdeutschen Grenze tun sich auf. Die Sensation ist perfekt. Unsere klobigen Bildfunkgeräte spucken die ersten Fotos vom Mauerfall aus. Sie riechen chemisch – und duften doch wunderbar nach Freiheit.


Ein Drucker im schwarzfleckigen Blaumann bringt mir erste Exemplare der eben geänderten Zeitung zur Durchsicht. Puh, trotz der Hektik keine Fehler drin. Etwas anderes aber stört: Mir kommt die brandaktuelle Titelseite angesichts der Ereignisse in Berlin schon wieder überholt vor. Die Mauer fällt – und wir quetschen das auf drei Spalten ein? Geht gar nicht. Auch jetzt verliere ich lieber keine Zeit mit einem Anruf einer höheren Ebene, sondern baue unsere Eins noch mal um – jetzt radikal: Ich ziehe den Fall der Mauer nun über die ganze Breite unserer Titelseite, und formuliere nicht eben die gelungenste, aber die fetteste Überschrift meiner bisherigen Laufbahn: „Die deutsch-deutsche Grenze ist offen“. Fünfspaltig. So breit und so klotzig wie möglich. Das Bild von Kohl und Mazowiecki fliegt kurzerhand von der Seite, ihr Treffen sackt klein in den Seitenkeller. Stattdessen illustriert ein Bild vom Trubel an der Mauer die historische Nacht. Und weil so viel schöner Stoff aus den Tickern perlt, lasse ich den Aufmacher – heute undenkbar – einfach auf die zweite Seite umlaufen.


Wieder zieht die Technik mit, wieder werden alle Reserven ausgereizt: „Was? Neues Bild? Geht nicht mehr. Ach, geben Sie her...“ Auch Faktoren, Metteure, Reprofotografen, Plattenfertiger und Drucker spüren: In Berlin wird Geschichte geschrieben. Und wir bei der Zeitung in Koblenz dürfen etwas daran mitschreiben. Für über 700.000 Leser im weiten RZ-Land.


Sehr spät am Abend, als die Aktualisierungsschlacht schon fast geschlagen ist, klingelt das Telefon auf meinem Schreibtisch. Ein leicht nervöser Vorgesetzter fragt aus dem Feierabend: „Haben wir das mit der Mauer auch richtig drin? Soll ich helfen kommen?“ Muss er nicht.


Die Chefreporterin unserer Zeitung aber setzt sich ins Auto – um nach Berlin zu starten. Um am Tag danach live dabei zu sein. Einfach so, ohne Order eines Vorgesetzten. Weil es gerade in Ausnahmelagen nicht immer etwas bringt, auf Befehle zu warten. An einem Schlagbaum nicht, und auch bei einer Zeitung nicht.


Quellen: Reaktivierte eigene Erinnerungen – verwoben mit der Titelstory des “Spiegel” vom 2. November 2009 (“Der Irrtum, der zur Einheit führte”)



Nachtrag


Auf mein Posting hin hat sich ein ehemaliger Kollege meines damaligen Blattes gemeldet, der sich ebenfalls an diesen Abend erinnert. Er schrieb mir: "Ich war als damals verantwortlicher ,Verteiler‘ (Blattmacher) bis 21.30 Uhr in der Redaktion und habe alle von Dir geschilderten Entscheidungen bis zu diesem Zeitpunkt selbst getroffen. Nachdem ich Dir noch einige Instruktionen gegeben hatte, fuhr ich nach Hause. Unterwegs hörte ich ständig Radio und zu Hause verfolgte ich die Entwicklung am Fernseher. Dann habe ich Dich angerufen, den Umbau auf fünfspaltig beschlossen und Dich gebeten, das so auszuführen. Die Schlagzeile ‚Die deutsch-deutsche Grenze ist offen‘ habe ich Dir persönlich in den Computer diktiert und Du hast probiert, ob sie passt. Nachdem ich Dich um die Ausführung dieser entscheidenden Veränderungen am Blatt gebeten hatte, konnte ich mich beruhigt zurücklehnen.“


Mir ging es im Niederschreiben meiner Erinnerungen an diesen Abend nicht um die Frage, wem bei uns damals welcher Verdienst gebührte. Mir lag mehr daran, zu beschreiben, wie verzahnt die anfangs unübersichtlichen Entwicklungen in Berlin mit der Arbeit in einer weit entfernten Zeitungsredaktion waren und unter welchen Umständen damals Zeitung gemacht wurde. Vor allem das enge Zusammenarbeiten mit den Kollegen in der Druckvorstufe hat unser Arbeiten damals geprägt. Ohne das Mitziehen der oft knorrigen Männer dort ging nichts. Dieser Faktor ist heute in Print völlig verschwunden - und ganze Generationen junger Journalisten haben dieses Zusammenwirken nicht mehr erlebt, weil die technische Entwicklung die Arbeit der Druckvorstufen faktisch in die Redaktionen verlagert und zu einer scheinbar wesentlichen Aufgabe von Journalisten gemacht hat.



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