kress-Kolumne "Personalfragen"

Meine Kolumne in kress pro

Aktuell in der neuen Ausgabe, zum Nachlesen gesammelt hier

2019 / #8   Das Schicksal des späteren Einstiegs

Werte Chefredakteure und Verlagsmanager,

 

in dem Medienhaus, in dem ich länger gearbeitet habe, prangte im Erdgeschoss viele Jahre eine beeindruckende Kurve. Am Anfang des Ganges im Vertrieb stand unten die Jahreszahl 1946 – und von dort kletterte eine Kurve auf vielen Wandmetern bis in die 90er-Jahre und bis fast an die Decke. Diese gleichsam abschreitbare Statistik zeigte das stetige Wachstum unserer Zeitung. Immer mehr Abos und Zukäufe hatten rund 250.000 Auflage beschert. Als diese Zahl auch bei uns schmolz, wurde die Kurve nicht mehr fortgesetzt – und bei einer Renovierung wurde sie übermalt.

 

Nicht verschwunden aber ist dieses scheinbar ewige Aufwärts im Bewusstsein der pensionierten Redaktionsmanager meines Blattes aus diesen goldenen Zeiten. Sie treffen sich regelmäßig, um über ihren Verlag, unsere Branche und die Zeitläufte zu stammtischeln. Als Chefredakteur habe ich unsere Bellheims einmal pro Jahr besucht. Diese Runden waren immer munter und vergnüglich. Sie belegten aber auch, wie sehr sich Zeiten und Menschen in den Verlagen geändert haben.

 

Jedes Mal piesackten meine Ex-Chefs mich mit ihrem Auflagenstolz von damals – und meinem Auflagenschwund von heute. Sie taten das mit dem Standesbewusstsein ihrer Generation – und provozierten gerne mit ihrer Arbeitslebenserfahrung, dass Auflage ja mit Qualität korrespondiere.

 

Die Herren übersahen dabei nur, dass ich als Jungredakteur erlebt habe, wie die Generation Auflagengold Zeitung gemacht hat. Umfänge? Viel weniger als heute. Seitenbauen? Job der Technik. Bildbearbeitung? Machte die Repro. Auf Zeile schreiben? Dafür gab es abends den Mann mit dem Messer in der Mettage. Aktueller Fußball? Die Bundesliga spielte nur am Samstag. Aktualität? Viel Gelassenheit, gerade im Lokalen. Mantel? Vor allem mit großer Geste redigierte Agentur. Eigene Themen? Um 20 Uhr wurde abgehakt, ob man alles hatte, was auch die Tagesschau brachte. Das Layout? Unaufwändiger Standard. Personaldecke? Verglichen mit heute komfortabel. Gehälter? Tarif für alle. Zusammenarbeit im Haus? Das war noch richtig Silo. Internet? Gab es noch nicht. Auftreten? Fürsten der Relevanz in ihrer Region.

 

Ja: Keiner kann etwas für das Jahr seiner Geburt. Und jeder denkt und fühlt mit der DNA seiner Generation, ist geprägt von den Bedingungen seiner Zeit. Und doch gab und gibt es auch im Journalismus wie im Verlagswesen die Gnade der frühen Geburt – und das Schicksal des späteren Einstieges.

 

Ja, Redaktions- oder Verlagsmanager zu sein war immer anspruchsvoll. Aber heute sind diese Positionen ungleich komplexer und zugleich weniger erfolgsgekrönt als früher. Die Pfeife rauchenden Leitartikel-Granden sind ausgestorben – Chefredakteure müssen heute mehr Manager als Schreiber sein. Zudem müssen wir etwa unsere Personalstrategien viel rascher als früher neu entwickeln, ganz andere Talente für unsere Häuser gewinnen, neue Berufsbilder und Ausbildungsgänge etablieren.

 

Hinzu kommt der Fluch der schmelzenden Märkte. In der Medienbranche gibt es kein Äquivalent zur Kletter-Kurve im Flur meines früheren Verlages. Unsere Blätter bieten zwar mehr als vor 20, 30 Jahren, unsere Webseiten mehr als in der Zeit vor Facebook. Alles gestemmt von weniger Leuten mit mehr Aufgaben und Kanälen als früher. Steigende Qualität aber schlägt sich nicht mehr in proportional monetarisierbaren Zuwächsen nieder.

 

Unseren Erfolg flaggen wir deshalb, im Markt wie intern, wolkiger als einst aus – etwa mit Reichweite, Relevanz und Markenwert. Das aber lässt sich nicht an Wände malen. Personal in Redaktionen und Verlagen muss heute anders motiviert werden. Vor allem anderen mit dem Bewusstsein, dass unsere Branche mehr denn je etwas leisten sollte, das dieses Land mitentwickelt, zusammenhält und voranbringt.

Ihre Meinung zu meiner Meinung? info@christian-lindner-consulting.de

"Auf Zeile schreiben?

Dafür gab es den Mann mit dem Messer."

2019 / #7   Die Arbeitstiere sterben aus

Werte Chefredakteure und Verlagsmanager,

 

früher war das für Leistungsträger in Redaktion und Verlag normal: Sie lebten für ihren Beruf – und gaben viel dafür. Die tarifliche Arbeitszeit galt als weltfremd, Zeiterfassung als Tabu. 50 Wochenstunden plus x wurden stoisch ertragen oder stolz vor sich hergetragen. 

 

Und das betraf nicht nur Chefs: Auch engagierte Redakteure und Vertriebler ohne Personalverantwortung etwa brannten so für ihren Job, dass die Arbeit die wichtigste Rolle in ihrem Leben spielte. Ihre Partner wussten, dass sie eine zweite große Liebe hatten: Die zu ihrem Beruf, oft auch zu ihrem Verlag.

 

Doch die in ihren Beruf verliebten Arbeitstiere sterben aus. Auch in den Medienunternehmen wächst eine Generation nach, die andere Prioritäten hat. In puncto Papierform und Potenzial sind unsere Nachwuchskräfte zwar besser gerüstet als ihre Chefs zu Beginn ihres Berufslebens. Auslandserfahrung, beeindruckende Praktika, anspruchsvolle Studiengänge, mit dem Digitalen großgeworden, keine Flausen, keine Zeit verschwendet – unsere jungen Talente bringen beneidenswert viel mit und könnten rasch durchstarten.

 

Doch die Generation der 25- bis 40-Jährigen will das gar nicht mehr in dem Maße, wie das lange Zeit in Medienhäusern normal war. Ja, auch sie nimmt unsere faszinierenden Berufe ernst. Doch unsere jungen Kräfte machen – unfreiwillig oder unverhohlen – deutlich, dass ihr Job für sie nur ein Teil ihres Lebens ist. Die neue Generation verlangt von ihrem Beruf neben Abwechslung, Anspruch und Auskommen vor allem eins: Er soll mit ihrem Privatleben kompatibel sein.

 

„Meine Life-Work-Balance bedeutet mir sehr viel”, sagte mir einmal eine tüchtige und begabte Redakteurin Anfang 30 in einem Bewerbungsgespräch bemerkenswert offen. Sie hatte den Begriff Work-Life-Balance nicht versehentlich anders als gewohnt formuliert, sondern passend zu ihrer Erwartungshaltung an den Arbeitgeber abgeändert, bei dem sie sich beworben hatte: Nicht die Arbeit geht vor, sondern ihr Leben. 

 

Das war nicht nur das Credo dieser jungen Frau – das ist die Job-DNA fast einer kompletten Generation. Und das prägt auch die Pakte, die viele jungen Paare geschlossen haben: Wenn ein neuer Posten absehbar zu viel Familien-Leben fressen würde, wird er eher ausgeschlagen. Wenn der Journalismus schlaucht, wird er für freizeitfreundlichere Jobs aufgegeben. 

 

Die Arbeits-Dinos hadern damit. Sie sind in vielerlei Hinsicht Fans ihrer wunderbaren jungen Leute. Dass diese ihr Brennen für den Beruf aber wie einen Induktionsherd steuern können (bei Bedarf an, danach flott auf null), dass hochbegabte Nachwuchskräfte nach vielversprechendem Start wegen der Härten des Jobs ihr berufliches Ethos leidenschaftslos an den Nagel hängen und aus dem Journalismus in andere Branchen abwandern, wird ihnen ewig fremd bleiben.

 

Doch die Immer-Brenner werden sich mit einer für sie unbequemen Erkenntnis arrangieren müssen: Sie haben nicht auf die falschen jungen Leute gesetzt, sondern die Berufswelt nach Ihnen denkt und handelt so. Berufung war einmal, jetzt kommt die Job-Ära. 

 

Die eiserne Generation wird das nicht bejubeln können, aber akzeptieren müssen. Und sie sollte Job-Realitäten schaffen, die es jungen Journalisten nicht mehr abverlangen, sich zwischen Beruf oder Leben entscheiden zu müssen. Sonst werden die Medien noch mehr Talente an PR und Marketing verlieren.

 

Und wenn wir ehrlich sind: So reizvoll intensiv es auch war und ist, für unseren Beruf und unser Unternehmen zu brennen – längst nicht jede Job-Priorität, deretwegen wir unsere Partner und Kinder alleingelassen haben, war das wirklich wert. 

Ihre Meinung zu meiner Meinung? info@christian-lindner-consulting.de

"Berufung war einmal,

jetzt kommt

die Job-Ära"

2018 / #3   Irgendwas mit Medien

Werte Chefredakteure und Verlagsleiter,

 

„Was mit Medien“ - dieser Berufswunsch junger Menschen hat uns Medienmanager lange Zeit geschmeichelt und zugleich erheitert. Wir mochten diesen Wunsch, er kam uns aber auch arg wolkig vor. Andererseits hat uns genau diese vage Sehnsucht das Rekrutieren von Nachwuchskräften für Verlag und Redaktion leicht gemacht.

 

Ein unablässiger Strom von Bewerbungen für Volontariate charmierte die Chefredaktionen, und auch die Verlage rangierten in der Gunst wacher, junger Leute, die eine reizvolle kaufmännische Ausbildung suchten, ganz oben. Unsere Personalabteilungen mussten lange Zeit nur die Mengen meistern, nie ein Qualitätsproblem. Immer gab es ein Vielfaches von Bewerbungen für ein paar Stellen. 300 Bewerber für zehn Volontariate: Deshalb konnten wir uns Wartelisten leisten, späte Antworten, Standardschreiben, monatelange Entscheidungsphasen, einen Einstellungstermin pro Jahr, hohe Ansprüche.

 

Wegen des Andrangs waren wir verwöhnt: Die „Irgendwas mit Medien“-Generation war im oberen Drittel beeindruckend gut. Diese jungen Leute wussten und konnten oft mehr als wir bei unserem Berufsstart.

 

Dieser Komfort aber ist Geschichte. Unsere Bewerbungsstapel sind drastisch geschrumpft. In der Spitze rütteln immer noch hoch interessante Talente an unseren Zäunen, danach aber wird die Qualität der Bewerber deutlich schwächer. Und die interessantesten Talente können sich oft zwischen mehreren Zusagen entscheiden.

 

Heute wirken andere Branchen auf junge Leute interessanter, innovativer, zukunftsträchtiger, sicherer. PR, Marketing, Digitalwirtschaft, Startups - sie alle reizen jetzt die Talente, die früher „was mit Medien“ machen wollten. Kleinere Jahrgänge, der Wunsch nach Sicherheit schon in jungen Jahren, das Schwinden des Passions-Faktors bei der Berufswahl, die Bedeutungserosion der Medien, rustikale Sparrunden trotz zweistelliger Renditen, aber auch das Schlechtreden unserer Branche durch uns selbst sorgen dafür, dass unsere Personaldecke am jungen Ende immer knapper wird.

 

Ausweglos aber ist das nur dann, wenn die Verlage auf diese neuen Herausforderungen nur mit alten Methoden reagieren. Mehr Eigenanzeigen zur Suche von Volontären und Medienkaufleuten werden das Problem nicht lösen, das Absenken unserer Anforderungen erst recht nicht.

 

Medienhäuser müssen in punkto Personalgewinnung umschalten - vom Verwalten hin zum aktiven Recruiting. Wer in Ihrem Haus monitort etwa gezielt, analytisch und nachhaltig die jungen Twitterer und Instagramer in Ihrer Region, wer Ihrer Leute kennt die örtliche Blogger- und Podcast-Szene? Wer spricht mit diesen neuen Medienschaffenden? Wie viele Ihrer Mitarbeiter sind privat in den sozialen Netzwerken auch als Influencer für Ihren Verlag unterwegs? Mit welcher Strategie arbeiten Sie daran, das Image Ihres Hauses im Netz zu drehen und für junge Talente attraktiv zu bleiben? Und wenn Sie Digital Natives für Ihren Verlag begeistert haben: Wie modern sind Ihre Ausbilder, wie zeitgemäß Ihre Ausbildungspläne, wie durchlässig Ihre Strukturen?

 

Personalrecruiting statt Bewerberverwaltung: Ja, auch das noch. Und ja: komplex. Alle klassischen Branchen aber stehen vor der Herausforderung schwindender Bewerber, selbst die Banken. Wir Verlage aber haben dabei einen Vorzug: Wir machen nicht irgendwas, sondern „was mit Medien“. Und viele Häuser machen das so engagiert und modern wie noch nie. Wenn das in Rekrutieren, Fördern, Veredeln und Halten von Talenten einfließt, dann werden wir weiter die Lokalchefs, Chefreporter, Chefredakteure und Verlagsleiter von morgen finden. Aber nur dann.

Ihre Meinung zu meiner Meinung? info@christian-lindner-consulting.de

"Personal-

recruiting

statt

Bewerber-

Verwaltung"

2018 / #2   Leisten Sie sich eine neue Romanze

Werte Verlagsmanager,

 

wer Sie kennt, weiß: Viele von Ihnen haben ein Faible für die Technik in Ihren Verlagen. Ich kann das verstehen. 

 

Jeder, der nach Andruck vor einer Ihrer Rotationsmaschinen steht, wird das verstehen. Das Tempo der Papierbahnen, das Singen der Motoren, das Wunder eines automatischen Rollenwechsels, der Takt der Schneidzylinder, der Strom der Zeitungen, die Akkorde der Warnsignale: Dieser Sound ist der kraftvollste unserer Branche. Und auch das Rauschen und Blinken in den Serverräumen unserer Verlage hat etwas Magisches.

 

Bei allem Zauber von schwerer Technik und IT aber dürfen Verlagsmanager nie vergessen: Nicht Apparate sind das Wertvollste für einen Verlag - es sind die Menschen, die für ihn arbeiten.

 

Volkswagen-Vorstand Heinrich Nordhoff postulierte 1966: „Den Wert eines Unternehmens machen nicht Gebäude und Maschinen und auch nicht seine Banknoten aus. Wertvoll an einem Unternehmen sind nur die Menschen, die dafür arbeiten, und der Geist, in dem sie es tun.“

 

Was schon für einen Autokonzern mit Fließbändern und langen Produktzyklen relevant ist, gilt für ein Medienhaus mit seinen täglich neu zu konfektionierenden Produkten erst recht. Auch modernste Rotationen und fetteste Server haben nur dann einen Wert, wenn ein Verlag die richtigen Mitarbeiter hat und für seinen publizistischen Auftrag begeistert.

 

Internet-Evangelist Sascha Lobo brachte es auf den Punkt, als er 2010 ein regionales Medienhaus samt Technik kennenlernte. Auch Lobo war von den Rotationen beeindruckt. Als digital denkender Mensch aber koppelte er die Faszination des Analogen mit der Sinn-Dimension: Verlage müssten Inhalte generieren, die den Aufwand rechtfertigen, Nacht für Nacht „20 Tonnen Papier durch 100 Tonnen Stahl zu jagen“.

 

Den Preis des Papiers kennen Sie, und auch Ihren Stahl haben Sie im Griff. Wie aber sieht es mit Ihren Menschen aus? Was wissen Verlagsleitungen, jenseits von Personalkosten und Alterspyramide, wirklich über ihre Mitarbeiter? Was für Spezialisten kümmern sich mit wie viel Expertise, Strategie, Nachhaltigkeit und Modernität um Ihre Leute? 

 

Dabei geht es um elementare Fragen: Welche jungen Menschen begeistern wir noch für Verlage? Wie finden und prägen, veredeln und halten wir Talente? Was wissen wir über ihre Motivation jenseits des Monetären? Welches Retrofit-Programm gibt es für unsere Leute aus analogen Zeiten, denen das Digitale Angst macht? Kennen die Verlagsetagen die sensiblen Bedingungen für ein Klima, in dem ihre Redaktion dauerhaft blüht? Ist Verlagsmanagern bewusst, wie leicht und wodurch eine Medienmarke beschädigt werden kann? Was muss ein Verlag guten jungen Redakteuren oder Medienkaufmännern bieten, damit sie nicht in die PR oder ins E-Commerce abwandern?

 

Selbst wenn in Ihrem Haus vieles von dem gut geregelt sein mag: In unserer Branche insgesamt müssen Wert und Pflege der Menschen, die unsere Rotationen und Webseiten mit relevantem Content füttern, die Logistik stemmen, die Anzeigen verkaufen oder den Support im Verlag am Laufen halten, neu angepackt werden. Andere Branchen haben den Wert unserer Talente längst erkannt: PR & Co. werden auch Ihnen Top-Leute abgeworben haben. 

 

Leisten Sie sich deshalb neben Ihrer Liebe zur Technik eine neue, berufliche Romanze: Die zu den Menschen, die Ihnen anvertraut sind. Ihre duldsamen Rotationen werden es Ihnen verzeihen.

Ihre Meinung zu meiner Meinung? info@christian-lindner-consulting.de

"Wertvoll an einem Unternehmen sind nur die Menschen"

Christian Lindner Consulting | 0171 203 40 70 | info@christian-lindner-consulting.de | Twitter: @Lindnereien